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Christian von Hösslin
Turn-E GmbH

Christian von Hösslin

Interview mit Christian von Hösslin, dem kreativen Kopf des Fahrzeugumrüsters Turn-E

Überlegen Sie auch schon, ob der nächste Wagen ein Elektroauto wird? Noch ist die Auswahl an Elektrofahrzeugen, die die großen Automobilhersteller anbieten, recht überschaubar. Das wird sich sicher in naher und mittlerer Zukunft ändern – aber auch heute schon gibt es interessante Alternativen, z.B. Kleinhersteller und Fahrzeugumrüster. Eines der innovativsten Unternehmen, welches den Umbau konventioneller Fahrzeuge zu Elektromobilen anbietet, ist Turn-E. Das junge Unternehmen aus München hat schon einige Aufmerksamkeit erregt, da es neben dem Umrüsten auf Elektroantrieb auch eine Reihe „eigener Modelle“ anbietet bzw. plant, darunter Nachbauten berühmter Oldtimer, aufgewertet mit elektrischem Antrieb.

 

eMobilitätOnline: Turn-E bietet den Umbau gebrauchter Fahrzeuge mit konventionellem Antrieb zu  Elektroautos an – wie sind Sie auf diese  Idee gekommen und wann haben Sie beschlossen, daraus ein Unternehmen zu formen?

 

Christian von Hösslin: Als der Tesla auf der Bildfläche erschien, war mein Interesse für eMobilität geweckt. Wie kann eine Gruppe von Computerfachleuten ein Auto bauen, dass mit allen Vorurteilen gegenüber Elektroautos ein für alle mal ausräumt? TURN-E zu gründen entstand zum einen aus der Frustration, kein gutes, bezahlbares Elektroauto kaufen zu können, andererseits aus dem Drang, Neues zu lernen und etwas Sinnvolles zu erschaffen. Frei nach dem Motto "es gibt nichts Gutes, außer man tut es", haben wir einen Smart gekauft und in 6 Monaten umgebaut. Dieser Smart wird seit 2 Jahren und inzwischen 40.000km problemlos jeden Tag gefahren. Ich bin mir relativ sicher, dass nur wenige der Original-E-Smarts eine Laufleistung wie diese hinter sich haben. Seitdem haben wir Smarts, einen T1 Bus, Citroens, Things umgebaut oder mit Lithium-Technik aufgewertet. Momentan arbeiten wir am ersten 356 Speedster und planen ein Riva Junior Sportboot zu konvertieren. Ganz aktuell richten wir unseren Fokus auf hochwertige Einzelstücke mit hohem Individualisierungsgrad. In einer kleinen Firma kann man zwar sehr hohe Qualität liefern, aber keine Masse. TURN-E gibt es als GmbH seit dem 4.11.2010.

 

Neben dem Umbau von Kundenfahrzeugen wird Turn-E auch eigene Modelle anbieten. Was planen Sie in diesem Bereich, können Sie uns das an einem Beispiel erläutern?

 

Das erste eigene Projekt ist der Umbau einer sehr hochwertigen 356 Speedster Replika. Der Gitterrohrrahmen und die GFK-Karosse dieses Autos erfüllen schon heute alle Kriterien des Leichtbaus. Der Wagen wird mit Motor und Batterie ca. 900 kg wiegen. Wir können die Rohfahrzeuge als "Roller" beziehen, d.h. der Hersteller in den USA hat das Auto komplett aufgebaut, aber noch keinen Motor, Tank oder Auspuff eingebaut. Das ist ein idealer Ausgangszustand für uns. Im Regelfall müssen wir aus den angelieferten Fahrzeugen diese Komponenten erst ausbauen. In einer nächsten Stufe werden wir das komplette Chassis mit neuen, innovativen Materialien aufbauen und können so noch einmal 20-30% des Rahmengewichts einsparen.

 

Wieso haben Sie eine Replika des 356 Porsche Speedsters ausgewählt, um diese mit einem Elektroantrieb auszurüsten? Handelt es sich hier um die Erfüllung eines eigenen Traums oder besteht für  solche "Exoten" auch eine größere Nachfrage?

 

Sowohl als auch. Der 356 Speedster ist an sich schon eines der schönsten Autos. Mit einem passenden eAntrieb wird daraus ein Auto der Superlative. Wir rechnen mit einer großen Nachfrage, sobald der erste fertig gestellt ist und Probe gefahren werden kann. Die Fahrleistungen mit ca. 200km/h Höchstgeschwindigkeit, 0–100km/h in 6 Sekunden und einer Reichweite von ca. 300km, werden viele Interessenten überzeugen.

 

Ist es möglich, aus jedem Fahrzeug mit konventionellem Antrieb ein Elektroauto zu machen?

 

Prinzipiell ja. Je älter ein Auto ist, desto einfacher ist der Umbau, da es noch keine aufwändige Elektronik gibt. Die Machbarkeit hängt vorrangig von den Wünschen der Kunden und deren Budget ab. Technisch machbar ist so gut wie alles, aber es kann sehr teuer werden. Wenn es sein soll, kann man Autos mit 4 x 250kW Motorleistung bauen, die 500km weit fahren. Alles eine Frage des Geldbeutels. Für die Kosten ist der sogenannte "Reality Check" wichtig. Welche Fahrleistungen brauche ich tatsächlich jeden Tag, 90% aller Fahrten im Jahr? Bei den meisten Leute ist das eine Fahrstrecke zwischen 20 und 50km pro Tag. Wie viel Sinn macht es da, Batterien für 300km einzubauen? Von Pit Moos (Smart-Marketing) stammt der Satz: "…die Autoindustrie hat Jahrzehnte davon gelebt, den Leuten das zu verkaufen, was sie gerne hätten. Jetzt (beim Elektroauto) muss sie das verkaufen, was die Leute wirklich brauchen…"  Und da reichen 40km Reichweite mit etwas Puffer für 80% aller Fahrten in Europa.

 

Wer hat den Elektromotor und die anderen Systemteile des Umbaus entwickelt? Bestehen Kooperationen mit anderen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen?

 

Wir kaufen Komponenten wie Motoren, Steuerungen und Batterien zu. Wir sind zu klein, um hier eigene Forschung zu betreiben. Wir haben Teile des Interieurs neu gestaltet, um eine neue Bedienung des Autos via Schalter und Taster zu ermöglichen. Kooperationen bestehen mit unserem Motorlieferanten in Italien und unserem Batterielieferanten hier in Deutschland. Ansonsten greifen wir auf ein umfassendes Netzwerk an Lieferanten und freien Mitarbeitern zurück. Wir geben Feedback, lassen Motoren und Batteriepacks nach unseren Angaben fertigen, aber wir können, mangels Förderung, nicht selber entwickeln. Eine Kooperation mit Forschungseinrichtungen gibt es in soweit, dass schon einige Universitäten unser Smart-Kit zum Aufbau von Versuchsträgern benutzt haben. Meist arbeiten Forschungseinrichtungen an geförderten Projekten, deren Teilnahme uns verwehrt bleibt, weil wir nicht über die finanziellen Mittel verfügen, den 50%-Anteil am Projekt zu stemmen. Alles was TURN-E bisher erreicht hat, haben wir selbst finanziert bzw. erwirtschaftet.

 

Wie sieht es mit der Ersatzteilversorgung aus: Kann ich mit meinem von Turn-E umgerüsteten Fahrzeug in jede KFZ-Werkstatt gehen oder benötige ich spezielle Teile aus Ihrer Produktion?

 

Normale Reparaturen wie Bremsen oder Lampenwechsel sind nach wie vor in einer KFZ-Werkstatt möglich. Sollte es ein Problem beim Antriebsstrang geben, muss die Werkstatt über geschultes Personal für Elektroautos verfügen. Dies ist für eine herkömmliche Werkstatt nicht machbar. Meistens werden unsere umgebauten Autos auch bei uns gewartet. Glücklicherweise sind die anfälligsten Teile für Reparaturen mit dem Umbau aus dem Auto entfernt worden: Ölwechsel, Luftfilter, Zündkerzen, Keilriemen, Turbolader, usw. gibt es nicht mehr. Die Bremsen werden beim Umbau erneuert und halten für den Rest des Autolebens, da zu 90% mit dem Motor gebremst wird. Elektroautos brauchen sehr wenig Wartung. Dies ist unter anderem ein Grund dafür, warum die großen OEMs zögerlich bei den Elektroautos sind. Mit dem Servicegeschäft verdienen die Hersteller und Ihre Niederlassungen sehr viel Geld.

 

Ist ein nachträglich umgerüstetes Elektrofahrzeug auch für die nächsten 5 bzw. evtl. 10 Jahre von der KFZ-Steuer befreit?

 

5 Jahre auf jeden Fall, das hat das Finanzamt bestätigt. Dies wird in den Bundesländern allerdings unterschiedlich gehandhabt. In Baden-Württemberg ist die Steuerbefreiung Standard, in Bayern gab's die Befreiung erst auf Anfrage. Es lohnt sich zu argumentieren, dass das Umbau-Datum als Stichtag für die Steuerbefreiung gilt. 10 Jahre Steuerbefreiung ist gerade erst beschlossen worden. Ich bin sicher, dass hier analog zur 5-Jahresregel verfahren wird. Die Steuer beläuft sich auf 33,– €/Jahr. 10 Jahre steuerbefreit klingt gewaltig, ist aber sicherlich kein Grund und Anreiz, sich ein Elektroauto zu kaufen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Unternehmenswebseite www.turn-e.de

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