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- ein Erfahrungsbericht von Sascha Brandenburg -

Am Samstag ist die diesjährige WAVE Trophy zu Ende gegangen. Bereits zum fünften Mal luden die Organisatoren begeisterte Emobilisten zur größten Elektroauto-Rallye der Welt ein, um öffentlichkeitswirksam die Spielarten und v.a. Möglichkeiten der Elektromobilität unter Beweis zu stellen.

Gefolgt sind v.a. Unternehmen bzw. von Firmen gesponserte Fahrzeuge, aber auch einige Privatpersonen bzw. -teams haben sich mit ihren Elektrofahrzeugen beteiligt (die Teilnahme an der WAVE ist nicht gerade günstig). Neben den gängigen Serien-Elektroautos waren auffällig viele Eigenumbauten vertreten: Vom umgerüsteten Elektro-Trabi (mit Wohnwagen!) über einen alten DDR Lastwagen und VW Transportern bis hin zum E-Porsche (mit dem wir unterwegs waren) und E-Buggys war eine bunte Mischung elektrifizierter Fahrzeuge zu bestaunen. Sogar drei E-Bikes sind mitgefahren – Respekt, vor allem für die letzten Etappen!

Los ging es am 12. Juni im sächsischen Plauen, eines der Highlights war die sog. Königsetappe vom 15. - 16. Juni, bei der innerhalb von 30 Stunden stolze 1.000 Kilometer bewältigt werden sollten (und auch wurden, was jedoch in den meisten Fällen nur mit deutlichen Abstrichen an der Nachtruhe möglich war). Wir sind am 19. Juni in der Schweiz zugestiegen, um die letzten beiden Tage der WAVE Trophy zu begleiten – in einem umgerüsteten Porsche 911, dessen Teilnahme von Osram gesponsert wurde. Besitzer und Fahrer ist jedoch Heiko Fleck, der den Wagen selbst umgebaut hat.

Kurz nach acht in der Früh ging es im kleinen Bergdorf Savognin/Graubünden los: gutgelaunt bei mäßigem Wetter, aber mit vollen Akkus – an diesem Tag war Bergetappe angesagt. Zuvor gab es noch ein kurzes Programm: Am Startpunkt war eine Schulklasse versammelt, ausgerüstet mit Zetteln und Stiften, um die zahlreichen Elektroauto-Modelle zu "bewerten". Dafür stellte jeder Fahrer und jede Fahrerin kurz ihr Emobil vor. Die gleiche Prozedur wiederholte sich zwei Stunden später in St. Moritz, unserem ersten Zwischen- und Ladestopp des Tages. Die Schülerinnen und Schüler waren alle ziemlich interessiert – aber selbst ein Elektroauto fahren, da waren sich die meisten noch nicht so sicher. Wobei es schön war zu beobachten, wie die Berührungsängste bei längerer Verweildauer abnahmen. Es ist schon beeindruckend, wie ein Porsche entgegen aller Erwartungen völlig lautlos losfährt.

Unterwegs mit dem E-Porsche

 

Der Elektro-Porsche von Heiko Fleck, auf der E-Rallye meist Osram-Porsche genannt, ist auf jeden Fall ein Hingucker: Fleck, der sich beruflich auf Elektroauto-Nachrüstkits spezialisiert hat, hat den Sportwagen extra für die WAVE Trophy umgerüstet: 70 kW Elektromotor, 30 kWh Batteriekapazität, eine Reichweite von rund 200 Kilometern und Spitze irgendwo zwischen 160 - 190 km/h – nach der WAVE soll der Elektro-Porsche weiter aufgerüstet werden. Die Eckdaten machen schon deutlich: Der E-Porsche ist nicht auf maximale Performance getrimmt – das stand bei der WAVE Trophy sowieso nicht im Vordergrund.

Deutlich mehr Batteriekapazität (108 kWh-Lithium-Polymer-Akkus) und dazu Solarpanels auf dem Dach sowie durchdachte aerodynamische Feinabstimmungen hatte ein umgerüsteter Mazda: Das slowenische Team schaffte auf der eingangs erwähnten Königsetappe 826 Kilometer (bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 72 km/h) – neuer Weltrekord! Ebenfalls gut ausgerüstet war der umgebaute A8 des Teams Extension: Mit einem E-Motor mit max. 100 kW Leistung sowie einem selbst konfigurierten 52 kWh-Akkupack sollen bis zu 400 Kilometer Reichweite erzielt werden, womit der Audi ungefähr in einer Liga wie einer der zahlreich teilnehmenden Tesla Model S fuhr – laut Fahrer weise der A8-Umbau die gleiche Leistung wie ein Model S auf, allerdings bei halbem Energieverbrauch. Rund 40.000 Euro habe der Umbau bisher gekostet – ein teures Vergnügen.

Entschleunigte Bergfahrt - zum höchsten Bergpass Italiens

 

Wer selbst schon mal Elektroauto gefahren ist, wird es sich denken können: rasant den Berg hochsurren war nicht – außer man wollte sich beim Electric Support Team unbeliebt machen. Aber das war auch gut so, schließlich hatten wir eine wirklich spektakuläre Route und das vergleichsweise gemütliche Tempo bot ausreichend Gelegenheit, die wirklich faszinierende Bergwelt Graubündens und Südtirols zu genießen. Steigungen von bis zu 18 Prozent waren eher die Regel als die Ausnahme und das Display zur Anzeige der Akkukapazität hatte alle Hände voll zu tun, um mit jedem Meter die Prozentzahl nach unten anzupassen. Aber: Dank der eher geringen Geschwindigkeit ist auch dem die Straße überquerenden Murmeltier nichts passiert und wir konnten uns wenig später in Ruhe die unweit der Straße herumkraxelnden Steinböcke anschauen. Highlight des Tages – im wahrsten Sinne des Wortes - war der Stilfserjochpass in den italienischen Alpen, mit 2.757m der höchste Bergpass Italiens und der zweithöchste Europas. Eine Herausforderung für Elektroautos, aber unseres Wissens nach musste niemand die letzten Meter schieben und alle sind gut oben angekommen!

Wo es lange hochgeht, geht es auch irgendwann wieder runter: Die Bergabfahrt war ein effizienter Fahrspaß. Nach der rund 30 Kilometer langen, abschüssigen Strecke war die Batterie deutlich voller als zuvor. Das Beeindruckendste war allerdings: Wir mussten nicht bremsen, auf der gesamten Bergfahrt nicht einmal (Ausnahme: Kaffeepause auf dem Stilfserjoch). Die Rekuperation ist derart eingestellt, dass bis auf komplette Stopps alles mit dem Gaspedal reguliert werden kann. Macht richtig Spaß, so zu fahren!

Plausibel, aber etwas schade war die Einteilung der Teams in unterschiedliche Gruppen. Das hatte zur Folge, dass – wie in unserem Falle – Kurzzeit-Teilnehmer nur einen Teil der teilnehmenden Fahrzeuge zu Gesicht bekamen. Meist haben wir unterwegs stets dieselben E-Autos und Fahrer getroffen. Nicht oft gesehen, aber besonders schön war der Elektro-Framo, ein umgebauter 60er Jahre Kleinlaster aus der DDR. In vielen Stunden wurde dieser kultige Oldtimer restauriert und mit einem 35 kW Asynchron-Elektromotor sowie einer 30 kWh Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie zu einem Elektroauto umgerüstet. Gesamtkosten des Umbaus (ohne Fahrzeug): über 20.000 Euro.

Letzter WAVE-Tag

 

Im Vergleich zum vorangegangenen Tag war der letzte Tourtag der WAVE Trophy 2015 nicht so spektakulär: Dauerregen und Autobahn bestimmten die erste, 173 Kilometer lange Etappe. Zum Glück war allen Teams während des Ladestopps in Pfäffikon am Zürichsee eine Regenpause vergönnt. Hier hatten wir Gelegenheit, den VW T2 des Teams Dorstener Arbeit näher zu begutachten – ein ausgesprochen schönes Exemplar, das im Übrigen auch mit einem von Heiko Flecks Bausätzen ausgerüstet ist. Bei dem T2 handelt es sich schon vor der "Modernisierung" um ein besonderes Exemplar: Dieser kleine Transporter war einer von 100 Elektro-T2's, die VW Ende der 70er gebaut hat. Ursprüngliche Reichweite: 70 Kilometer. Durch die damaligen, sehr schweren Batteriepacks verfügt dieser VW Bus über ein zugelassenes Gesamtgewicht von 3,1 Tonnen und hat im Vergleich zu den konventionell betriebenen Schwestermodellen einen entsprechend modifizierten Unterbau. Bei der Beschäftigungsgesellschaft Dorstener Arbeit bekommen Jugendliche ohne Schulabschluss die Chance, über einen niedrigschwelligen Zugang ihre Interessen und Talente – bspw. im Bereich Automobile – zu entdecken. Der Elektro-T2 wurde bis auf die letzte Schraube auseinandergenommen und wieder komplett neu aufgebaut: mit 44 kW E-Motor und einem 60 kWh-Akku für eine Reichweite von rund 300 Kilometern.

Im Verlauf des Nachmittags sind dann fast alle Teams (einige hatten schon zuvor den Heimweg angetreten) nach insgesamt rund 2.500 Kilometern in St. Gallen, dem Ziel der WAVE Trophy 2015, eingetroffen. Zieleinfahrt und Sammelpunkt befanden sich auf dem zentral gelegenen, pittoresken Gallusplatz. Nachdem sich die meisten Fahrzeuge dort versammelt hatten, wurde die "Siegerehrung" abgehalten – welches Team die meisten Schülerstimmen auf sich vereinen konnte (es gab mehrere Kategorien) haben wir im Trubel gar nicht mitbekommen (wir waren es zumindest nicht. War auch nicht so wichtig, schließlich war es nicht der Wettbewerbsgedanke, der über der WAVE Trophy lag. Insgesamt war es ein schönes und spannendes Event, das allen Ortens auf reges Interesse gestoßen ist - aber auch anstrengend (Abfahrt war stets kurz nach acht und Ankunft häufig spät), was viele der Fahrerinnen und Fahrer, die freilich die gesamte Strecke zurücklegten, bestätigten. Und es hat gezeigt, dass es auch heute schon möglich ist, lange Strecken mit einem Elektroauto zurückzulegen, wenn man die Ladezeit für sich zu nutzen versteht.

Der Autor des Artikels wurde von Osram unter der Übernahme der Reise- und Verpflegungskosten zur WAVE in die Schweiz eingeladen.

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